Anfang der 1950er-Jahre kam in Detroit ein Produkt auf den Markt, über das ernsthafte Maler und Kunstkritiker spotteten: Malen nach Zahlen. Als Erfinder gilt Dan Robbins, Grafiker bei der Palmer Paint Company. Die Idee stammte nach seiner Erzählung von keinem Geringeren als Leonardo da Vinci. Der soll seinen Lehrlingen nummerierte Vorlagen gegeben haben, damit sie Schritt für Schritt malen lernten. Malen nach Zahlen war also keine Abkürzung zum guten Bild, sondern eine Stufe auf dem Weg zur Meisterschaft.
Daran musste ich in den letzten Wochen oft denken, während ich mit Claude an meiner Micro-Journaling-App „Pulse“ arbeitete. Neue Features waren schnell fertig und taugen etwas, samt sauberer Dokumentation und Testfällen. Nur Befriedigung stellte sich kaum ein.
Doch der Vergleich mit Malen nach Zahlen hinkt, und die Wahrheit ist schlimmer. Beim Malen nach Zahlen führe ich wenigstens selbst den Pinsel. Ich lerne, wie viel Farbe er aufnimmt, wie man eine Kante zieht und wie Flächen nebeneinander wirken. So haben Leonardos Lehrlinge gelernt. Lasse ich dagegen Claude ein Feature bauen, gebe ich nur eine Bestellung auf und bewerte das Ergebnis.
Beurteilen ist nicht Können
Beurteilen ist aber nicht Können. Ich kann sagen, ob mir ein Gericht schmeckt, ob mir ein Bild gefällt und ob meine App tut, was sie soll. Ich kann auch beschreiben, was ich anders haben will. Kochen aber heißt verstehen, wie Säure, Fett und Hitze zusammenwirken, und Techniken so beherrschen, dass man nicht mehr über sie nachdenkt. Und Software entwickeln heißt im Kern: sich mit einem Problem auseinandersetzen und selbst eine Lösung finden. Den Koch, den Maler, den Autor und den Entwickler befriedigt vor allem das Erschaffen, weniger das fertige Werk.
Richard Sennett hat diesem Antrieb ein ganzes Buch gewidmet:
Handwerk bezeichnet einen dauerhaften, grundlegenden menschlichen Impuls, den Wunsch, eine Arbeit um ihrer selbst willen gut zu machen.
Richard Sennett, Handwerk, S. 18
Die Motivationspsychologen Edward Deci und Richard Ryan nennen dieses Bedürfnis Fähigkeitserleben. In ihrer Selbstbestimmungstheorie ist es eines von drei angeborenen psychologischen Grundbedürfnissen, neben Autonomie und sozialer Eingebundenheit. Werden sie erfüllt, entsteht intrinsische Motivation; werden sie es nicht, bleibt nur der Antrieb von außen. Fähigkeitserleben meint dabei nicht das Ergebnis, sondern die Erfahrung, die eigenen Fähigkeiten wirksam einzusetzen und Herausforderungen zu meistern: das Erleben, etwas zu können – und es immer besser zu können.
Wie stark dieses Bedürfnis wirkt, zeigten Michael Norton, Daniel Mochon und Dan Ariely 2012. Ihre Versuchspersonen schätzten selbst aufgebaute IKEA-Kisten deutlich höher als identische fertige Exemplare und zahlten sogar mehr dafür. Ihre selbst gefalteten Origami-Figuren bewerteten sie fast so hoch wie die von Experten. Der Wert entsteht also aus der bewältigten Herausforderung, aus dem Erleben der eigenen Fähigkeiten. Wer diese Arbeit an KI abgibt, ist schneller und oft besser, verliert aber die Befriedigung. Das Ergebnis ist objektiv wertvoller und fühlt sich doch subjektiv wertlos an.
Trotzdem will ich Claude für vieles nicht mehr missen: Code aufräumen, Tests nachziehen, Altlasten beseitigen. Das ist mühsam, aber nie drängend genug, um es selbst anzupacken. Befriedigend ist es auch nicht, denn ich lerne dabei wenig. Ich spare nur Zeit.
Anders bei neuen Features, für die mir die Fertigkeiten noch fehlen. Baut Claude sie, funktionieren sie meist, aber sie fühlen sich leer an. Ich habe eine Funktion mehr in der App und keine Fähigkeit mehr im Kopf. Kompetenz, die ich nicht erwerbe, kann ich auch nicht erleben. Und der Verlust ist nicht bloß ein Gefühl: Ausgelagertes Denken hinterlässt kognitive Schulden.
Ohne Widerstand kein Lernen
Der naheliegende Einwand: Das gab es alles schon. Vermutlich trauerten Menschen schon den Lochkarten nach, und Assembler-Programmierer misstrauten zunächst den ersten Compilern. Jede Abstraktion galt zuerst als Verlust an Handwerk. Und jedes Mal wanderte die Meisterschaft eine Ebene nach oben – gut war nur, wer einige Ebenen darunter verstand. Warum sollte es diesmal anders sein?
Weil es einen entscheidenden Unterschied gibt. Der Compiler zwang mich, eine neue Ebene mit neuen Paradigmen zu beherrschen: C, später C++ oder Java wollen gelernt sein. Die Bestellung bei Claude zwingt mich zu nichts. Im Gegenteil: Ich kann schlampig diktieren, und oft kommt Erstaunliches heraus. KI minimiert den Widerstand – doch ohne Widerstand kein Lernen. Natürlich lässt sich auch das Bestellen meistern. Aber das bleibt die Meisterschaft des Gastes, nicht die des Kochs.
Für mich als Hobbyentwickler geht es nur um die Freude an der Arbeit. Für Organisationen geht es um Substanz. Dort zählt vor allem der Output: geschlossene Tickets, gelieferte Features, kürzere Durchlaufzeiten. Können, Wissen und Meisterschaft tauchen in keinem Dashboard auf. Wer misst, was am Ende herauskommt, belohnt das Bestellen und bestraft das Lernen.
Kurzfristiger Gewinn durch kollektiven intellektuellen Raubbau.