Der Teufelskreis der kognitiven Schulden

KI ver­rin­gert schlei­chend genau die Fer­tig­kei­ten, die es braucht um erfolg­reich mit KI arbei­ten zu können.

Künst­li­che Intel­li­genz nimmt uns Arbeit ab. Gleich­zei­tig wird die Arbeit mit und durch KI aber inten­si­ver und belas­ten­der. Ein wesent­li­cher Grund dafür ist die zuneh­men­de Ent­frem­dung von unse­rer Arbeit: Statt selbst zu arbei­ten, beauf­sich­ti­gen wir KI-Agen­ten, deren Ergeb­nis­se zuneh­mend schwie­rig zu über­bli­cken sind, wir aber den­noch ver­ant­wor­ten müssen.

Was sind kognitive Schulden?

Je mehr wir KI ein­set­zen, des­to mehr ent­fer­nen wir uns von unse­rer Arbeit und büßen dabei unser tie­fes Ver­ständ­nis für Zusam­men­hän­ge ein. Wir bau­en mit KI nicht nur tech­ni­sche Schu­len, son­dern auch kogni­ti­ve Schul­den auf. Mar­ga­ret-Anne Storey, Infor­ma­tik-Pro­fes­so­rin an der Uni­ver­si­ty of Vic­to­ria Cana­da, beschreibt mit die­sem Begriff die „auf­ge­sam­mel­ten Lücken zwi­schen der sich ent­wi­ckeln­den Struk­tur eines IT-Sys­tems und dem gemein­sa­men Ver­ständ­nis des Ent­wick­lungs­teams dar­über, wie und war­um die­ses Sys­tem funk­tio­niert und wie es im Lau­fe der Zeit ver­än­dert wer­den kann.“

Kogni­ti­ve Schul­den erhö­hen wie­der­um die emp­fun­de­ne Belas­tung in der Arbeit mit KI. Je tie­fer das Ver­ständ­nis der Archi­tek­tur und der Code­ba­sis, des­to ein­fa­cher ist es, eine vor­ge­schla­ge­ne Ände­rung eines KI-Agen­ten zu prü­fen. Je weni­ger kogni­ti­ve Schul­den, des­to wirk­sa­mer und ein­fluss­rei­cher füh­len wir uns. Umge­kehrt gilt: Je mehr kogni­ti­ve Schul­den ein Team auf­baut, des­to schwie­ri­ger wird die Über­prü­fung, des­to hilf­lo­ser füh­len sich die Men­schen, des­to mehr Feh­ler schlei­chen sich ein und des­to mehr tech­ni­sche und kogni­ti­ve Schul­den bau­en sich auf. Ein Teufelskreis.

Warum schneller nicht immer besser ist

KI beschleu­nigt die Pro­duk­ti­on von Ergeb­nis­sen, bei­spiels­wei­se in Form von fer­tig imple­men­tier­ten Funk­tio­nen eines IT-Sys­tems. Aber das Ergeb­nis allein ist bei Wei­tem nicht alles. Ins­be­son­de­re dann nicht, wenn mit dem Ergeb­nis wei­ter­ge­ar­bei­tet wer­den muss und das IT-Sys­tem über Jah­re und Jahr­zehn­te ver­fei­nert und gewar­tet wer­den muss. Ich kann es aus eige­ner Erfah­rung gut nach­voll­zie­hen, wenn erfah­re­ne Ent­wick­ler wie Lars Faye, des­halb bewusst eine lang­sa­me­ren Weg wäh­len: „Ich nut­ze LLMs, um bei der Spe­zi­fi­ka­ti­on und beim Pla­nen zu hel­fen, wäh­rend ich die Imple­men­tie­rung selbst vor­neh­me. Dies ist eine Umkeh­rung des Orches­trie­rungs-Work­flows; ich pro­gram­mie­re immer noch von Hand zwi­schen 20% und 100%, je nach Aufgabe.“

Mit die­sem Ansatz, der im Wesent­li­chen auch mei­nen Umgang mit KI beschreibt, hält Lars Faye sei­ne kogni­ti­ven Schul­den unter Kon­trol­le und sich selbst geis­tig fit. Er schöpft bewusst nicht die vol­len Mög­lich­kei­ten der KI aus, son­dern greift selbst in die Tas­ten. Damit behält er einen bes­se­ren Über­blick über sei­ne Arbeit und ver­hin­dert, dass sei­ne Fer­tig­kei­ten mit der Zeit abstump­fen. Wer das als inef­fi­zi­ent abtut, weil Code und Funk­tio­nen lang­sa­mer ent­ste­hen, denkt zu kurz­fris­tig und macht die Rech­nung ohne die sich auf­stau­en­den kogni­ti­ven (und spä­ter auch tech­ni­schen) Schulden. 

Übung macht den Meister

Die durch die­se „Umkeh­rung des Orches­trie­rungs-Work­flows“ schein­bar ver­schwen­de­te Zeit ist viel­mehr eine bewuss­te Inves­ti­ti­on in die Auf­recht­erhal­tung und Ver­bes­se­rung unse­rer Fer­tig­kei­ten. Wer mit KI gute Ergeb­nis­se erzie­len will braucht Über­blick und Erfah­rung, um das Ergeb­nis kri­tisch hin­ter­fra­gen zu kön­nen. Aber die Arbeit mit KI lässt genau die­se Fer­tig­kei­ten ver­küm­mern, weil sie nicht mehr aus­rei­chend prak­ti­ziert wer­den. Kein Musi­ker oder Maler wür­de auf die Idee kom­men, das Üben ein­zu­stel­len, weil das Kla­vier nun allei­ne spie­len kann oder der Pin­sel auto­nom malen kann.

Wenn ich einen Tag nicht übe, mer­ke ich es. Wenn ich zwei Tage nicht übe, mer­ken es die Kri­ti­ker. Wenn ich drei Tage nicht übe, merkt es das Publikum.

Arthur Rubin­stein

KI behin­dert also nicht nur den Erwerb von Erfah­rung und Fer­tig­kei­ten, son­dern auch deren ErhaltUm Meis­ter­schaft zu erlan­gen, müs­sen wir üben und nicht KI beim Üben zuse­hen. Die Fer­tig­kei­ten kom­men aber mit einem sehr kur­zen Halt­bar­keits­da­tum und ver­küm­mern ohne Übung. Nicht nur in der schnell­le­bi­gen IT-Domä­ne, son­dern in jedem ande­ren Bereich in dem Exper­ten Wis­sens­ar­beit ver­rich­ten. Durch Übung lau­fen wir die Roll­trep­pe ent­ge­gen der Fahr­rich­tung nach oben; wer auf­hört zu üben, wird nach unten befördert.

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Von Marcus Raitner

Hi, ich bin Marcus. Ich bin der festen Überzeugung, dass Elefanten tanzen können. Daher begleite ich Organisationen auf ihrem Weg zu mehr Agilität. Über die Themen Führung, Digitalisierung, Neue Arbeit, Agilität und vieles mehr schreibe ich seit 2010 in diesem Blog. Mehr über mich.

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