Digitale Erschöpfung: Wieso KI Wissensarbeit intensiviert statt uns zu entlasten

Wer davon träum­te, künf­tig läs­sig aus der Hän­ge­mat­te her­aus, Agen­ten diri­gie­ren zu kön­nen, erlebt gera­de ein böses Erwachen.

Was pas­siert, wenn uns KI die Arbeit abnimmt? Aus dem täg­li­chen Erleb­nis im Umgang mit KI und der Erfah­rung aus ver­gan­ge­nen tech­no­lo­gi­schen Umwäl­zun­gen wis­sen wir jeden­falls, was nicht pas­siert: Wir lie­gen nicht auf der fau­len Haut wäh­rend die Agen­ten für uns schuf­ten. Im Gegenteil.

Schneller, breiter, intensiver

Dass uns KI nicht mehr Frei­zeit besche­ren wür­de, war zu erwar­ten. Die­ses Ver­spre­chen haben PC, Inter­net, Smart­phones und ande­re bahn­bre­chen­de Tech­no­lo­gien auch nie ein­ge­löst. Statt­des­sen fül­len wir die Arbeits­zeit – und bis­wei­len unse­re Frei­zeit – ein­fach mit mehr Arbeit. Lei­der ver­pufft ein Groß­teil die­ser indi­vi­du­el­len Pro­duk­ti­vi­täts­stei­ge­rung als Rei­bungs­hit­ze im hoch­gra­dig arbeits­tei­li­gen, glo­bal ver­teil­ten und immer kom­ple­xer wer­den­den Mit­ein­an­der (und bis­wei­len: Gegen­ein­an­der) moder­ner Wis­sens­ar­beit. Und ob sich die Pro­duk­ti­vi­tät der Orga­ni­sa­ti­on als Gan­zes spür­bar erhöht, hängt ohne­hin stark davon ab, inwie­weit die Ver­bes­se­run­gen durch KI einen Eng­pass im Gesamt­sys­tem adres­sie­ren: Ich wage es jeden­falls zu bezwei­feln, dass die Mög­lich­keit, E‑Mails schnell zusam­men­zu­fas­sen und auf Knopf­druck zu beant­wor­ten im Gro­ßen und Gan­zen einen Unter­schied macht. 

Wenn wir nicht mehr Frei­zeit gewin­nen, kön­nen wir dann wenigs­tens erwar­ten, dass unse­re Arbeit durch KI ange­neh­mer wird? Dem ertei­len die Autoren des Har­vard Busi­ness Review Arti­kels „AI Doesn’t Redu­ce Work — It Inten­si­fies It“ eine deut­li­che Absa­ge. Tat­säch­lich inten­si­viert KI unse­re Arbeit in drei­er­lei Hin­sicht. Ers­tens ver­brei­tern wir unse­ren Arbeits­be­reich und ver­rich­ten jetzt Arbei­ten, die wir vor­her nicht allei­ne bewerk­stel­li­gen konn­ten. Nicht in allen Fäl­len sind die­se not­wen­dig oder wert­schöp­fend, aber weil sie mit KI schein­bar mühe­los mög­lich sind, ver­bren­nen wir den­noch Arbeits­zeit und Tokens dafür. Zwei­tens fan­den die For­scher in ihrer Unter­su­chung her­aus, dass die typi­sche, auf kur­zen Prompts basie­ren­de, einem Gespräch ähneln­de, Arbeits­wei­se mit KI die Ten­denz hat, sich in Pau­sen und Ruhe­zei­ten aus­zu­deh­nen. Und drit­tens wer­den wir zu Mul­ti­tas­king ver­lei­tet; einer­seits, weil es so ein­fach scheint, meh­re­re Werk­zeu­ge gleich­zei­tig an ver­schie­de­nen Auf­ga­ben arbei­ten zu las­sen und ande­rer­seits weil wir ver­sucht sind, wäh­rend der wenig inspi­rie­ren­den Bespre­chung noch schnell den nächs­ten Prompt abzusetzen.

Suchtfaktor KI

Mit KI ver­dich­ten wir nicht nur die Arbeit, wir ver­brei­tern sie auch und erhö­hen gleich­zei­tig unse­re Arbeits­zeit indem wir die Agen­ten in Pau­sen, am Abend und wäh­rend ande­rer Tätig­kei­ten beauf­sich­ti­gen und wie ein Tama­got­chi füt­tern. Ein aus mei­ner eige­nen Erfah­rung nicht zu ver­nach­läs­si­gen­der Grund für die­ses para­do­xe Phä­no­men liegt in der Natur der Inter­ak­tio­nen mit den KI-Sys­te­men: Der nächs­te Prompt könn­te ein über­ra­schend gutes Ergeb­nis lie­fern (Jack­pot!) und des­halb pro­bie­ren wir es immer wieder. 

Das klingt ver­däch­tig nach Glücks­spiel­au­to­ma­ten und erklärt, war­um wir unbe­dingt noch schnell den nächs­ten Prompt wäh­rend unse­res Mit­tag­essens abset­zen müs­sen oder war­um Men­schen mit halb geöff­ne­ten Lap­tops durch die Gegend lau­fen. In der Psy­cho­lo­gie kennt man die­ses Mus­ter als inter­mit­tie­ren­de Ver­stär­kung. Es gilt als ein zen­tra­ler Sucht­me­cha­nis­mus, weil die Mög­lich­keit eines Erfolgs zur Aus­schüt­tung von Dopa­min führt, des­sen pri­mä­re Funk­ti­on es gera­de ist, uns zu erfolg­ver­spre­chen­den Hand­lun­gen zu motivieren. 

Das durchgeschmorte Gehirn

Bleibt also die Hoff­nung, dass die durch KI ver­dich­te­te und ver­brei­ter­te Arbeit wenigs­tens befrie­di­gen­der ist. Lei­der ist auch das nicht der Fall. Ein wei­te­rer Arti­kel im Har­vard Busi­ness Review mit dem bezeich­nen­den Titel „When Using AI Leads to ‚Brain Fry’“ führt den tref­fen­den Begriff des „durch­ge­schmor­ten Gehirns“ ein. Gemeint ist das Phä­no­men einer men­ta­len Erschöp­fung bedingt durch die Nut­zung von oder die Inter­ak­ti­on mit KI-Werk­zeu­gen in einem Maße das die eige­nen kogni­ti­ven Fähig­kei­ten deut­lich übersteigt.

Die befrag­ten Mit­ar­bei­ten­den klag­ten über Nebel oder Schwir­ren im Kopf. Sie beschrie­ben „ein inten­si­ves Hin und Her mit den Werk­zeu­gen, gefolgt von der Unfä­hig­keit, klar zu den­ken, wie bei einer Art Kater, ein­her­ge­hend mit Schwie­rig­kei­ten sich zu kon­zen­trie­ren, ver­lang­sam­ter Ent­schei­dungs­fin­dung und Kopf­schmer­zen, wodurch eini­ge gezwun­gen waren, sich phy­sisch vom Com­pu­ter zurück­zu­zie­hen, um sich zu ‚reset­ten‘“.

Zwar beschrei­ben die Autoren auch den gegen­tei­li­gen Effekt, dass durch KI die men­ta­le Belas­tung und die Gefahr für Burn­out sinkt, aber nur wenn durch KI lang­wei­li­ge oder belas­ten­de Rou­ti­ne­auf­ga­ben auto­ma­ti­siert wer­den. Pro­ble­ma­tisch wird KI über­all dort, wo die Ver­ant­wor­tung für das Ergeb­nis unver­än­dert auf den Mit­ar­bei­ten­den las­tet, sich die Arbeits­last erhöht und sich die Art der Arbeit gleich­zei­tig ver­schiebt von Sel­ber­ma­chen hin zu Beauf­sich­ti­gung von ver­schie­de­nen Agen­ten und Werkzeugen. 

Nichts im Übermaß

Neben „Erken­ne dich selbst“ war „Nichts im Über­maß“ die bekann­tes­te Inschrift am Ein­gang des Tem­pels von Del­phi. Die­se zeit­lo­se anti­ke Weis­heit gilt auch und gera­de heu­te im Umgang mit KI. Nicht alles was mög­lich ist, soll­te auch getan werden. 

Frü­her hät­te ich bei­spiels­wei­se die Daten für eine Pro­zess­ana­ly­se in Excel auf­be­rei­tet und in Power­Point prä­sen­tiert. Mit Clau­de Code habe ich die Daten des Excel extra­hiert und nor­ma­li­siert in eine SQli­te-Daten­bank gespei­chert, die dann von einen Python-Skript aus­ge­le­sen wird um dar­aus ein HTML-Dash­board mit ein­ge­bet­te­ten Daten zu erzeugen. 

Als Infor­ma­ti­ker hat­te ich viel Freu­de dar­an und anfangs war ich damit deut­lich schnel­ler als mit Excel und Power­Point. Nach eini­ger Zeit und eini­gen Prompts ent­fal­te­te sich jedoch eine eben­so inter­es­san­te wie beun­ru­hi­gen­de Eigen­dy­na­mik, die dazu führ­te, dass ich das Dash­board immer wei­ter „ver­fei­ner­te“ bis zu dem Punkt, wo ich mich nicht für ein Farb­sche­ma ent­schei­den konn­te und seit­her zwi­schen zwei Farb­sche­ma­ta in einem Kon­fi­gu­ra­ti­ons­me­nü wäh­len kann. Viel Mehr­wert hat­te das nicht, aber es war zu inter­es­sant und ein­fach, um es nicht auszuprobieren.

Vor eini­ger Zeit habe ich mit der Pro­gram­mie­rung mei­ner iOS-App „Pul­se“ begon­nen und mich dabei von KI wei­test­ge­hend fern­ge­hal­ten. Nicht weil ich KI nicht ver­trau­en wür­de oder die Ergeb­nis­se schlecht wären, son­dern weil es mein Ziel war, die App-Ent­wick­lung mit Swift-UI zu ler­nen (nach vie­len Jah­ren im Manage­ment war ich – vor­sich­tig aus­ge­drückt – ein wenig ein­ge­ros­tet). Und wie schon Aris­to­te­les schrieb: „Es gibt Din­ge, die wir ler­nen müs­sen, bevor wir sie tun kön­nen. Und wir ler­nen sie, indem wir sie tun.“ Als ich zwi­schen­zeit­lich mit Clau­de Code expe­ri­men­tier­te, stell­te sich auch bei mir die­ses unbe­frie­di­gen­de, hyper­ak­ti­ve Schwir­ren eines durch­ge­schmor­ten Gehirns ein. 

Ich lie­be den Flow beim Pro­gram­mie­ren und ich bin nicht bereit ihn ein­zu­tau­schen gegen das abge­stumpf­te Star­ren eines Spiel­süch­ti­gen auf die blin­ken­den Lich­ter eines Spiel­au­to­ma­ten (auch bei Clau­de und ande­ren Werk­zeu­gen blinkt und bewegt sich so eini­ges wäh­rend man war­tet … ein Schelm, wer Böses dabei denkt). Und den­noch möch­te ich auf KI nicht ver­zich­ten: Zum Brain­stor­ming neu­er Fea­tures, als Spar­rings­part­ner zum Code-Review, für unlieb­sa­me Auf­ga­ben wie Doku­men­ta­ti­on und Test­fäl­le oder für das quick-and-dir­ty Skript zur Ana­ly­se von Daten.

Und dann gibt es Berei­che, wo ich KI bewusst nicht ein­set­ze. Schrei­ben bedeu­tet für mich in ers­ter Linie Nach­den­ken und nicht die Pro­duk­ti­on von Wör­tern und Sät­zen. Die­sen inte­gra­len Bestand­teil mei­ner Iden­ti­tät will ich nicht aus­la­gern. Nicht für Arti­kel wie die­sen, aber auch nicht für E‑Mails oder Instant-Mes­sa­ging. In unse­rer zuneh­mend ver­teil­ten und nur noch digi­tal ver­bun­de­nen Welt, will ich die­ses letz­te Quänt­chen Per­sön­lich­keit und Mensch­lich­keit nicht auf dem Altar einer auf Hoch­glanz polier­ten Ober­fläch­lich­keit opfern.

Es gibt Wich­ti­ge­res im Leben, als bestän­dig des­sen Geschwin­dig­keit zu erhöhen.

Mahat­ma Gandhi

Literatur

Bedard, J., Kropp, M., Hsu, M., Kara­man, O. T., Hawes, J., & Kel­ler­man, G. R. (2026, März 5). When Using AI Leads to “Brain Fry”. Har­vard Busi­ness Review. https://hbr.org/2026/03/when-using-ai-leads-to-brain-fry

Rang­anathan, Aru­na und Xing­qi Mag­gie Ye. „AI Doesn’t Redu­ce Work — It Inten­si­fies It“. Har­vard Busi­ness Review, 9. Febru­ar 2026. https://hbr.org/2026/02/ai-doesnt-reduce-work-it-intensifies-it.

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Von Marcus Raitner

Hi, ich bin Marcus. Ich bin der festen Überzeugung, dass Elefanten tanzen können. Daher begleite ich Organisationen auf ihrem Weg zu mehr Agilität. Über die Themen Führung, Digitalisierung, Neue Arbeit, Agilität und vieles mehr schreibe ich seit 2010 in diesem Blog. Mehr über mich.

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