Mein letzter Tweet

Bereits vor einem Jahr beschrieb ich mein zuneh­men­des Miss­fal­len mit Twit­ter als Ort der sys­te­ma­ti­schen Empö­rungs­es­ka­la­ti­on. Ich beschloß, mich „bis auf Wei­te­res voll­stän­dig“ zurück­zu­zie­hen. So ganz gelang es mir dann aber doch nicht. Bis­wei­len ließ ich mich doch zu einem Kom­men­tar zur (immer deso­la­te­ren) Lage der Nati­on und Demo­kra­tie hin­rei­ßen. Ich sah Twit­ter immer als Markt­platz der Ideen, eine Art digi­ta­le Ago­ra. Viel­leicht war das auch mal so, viel­leicht hät­te Twit­ter das sein kön­nen. Seit eini­gen Jah­ren ähnelt – und da gebe ich der Argu­men­ta­ti­on von Cal New­port in sei­nem Pod­cast Recht – Twit­ter aber mehr dem Col­lo­se­um mit unter­halt­sa­men und bis­wei­len blu­ti­gen Kämp­fen von Gla­dia­to­ren. Dafür ist mir mei­ne Zeit zu scha­de. Des­halb ist die­ser 47.809te Tweet mein letz­ter, den ich hier kon­ser­vie­re, bevor mein Account gelöscht wird:

Zu fin­den bin ich nach wie vor auf Lin­ke­dIn (als beruf­li­ches Netz­werk für das Recrui­ting uner­setz­bar) und erreich­bar via E‑MailThree­ma oder Tele­gram. Inspi­ra­ti­on bekom­me ich immer noch aus News­let­tern, Pod­casts und nicht zuletzt von Refind, das mir täg­lich inter­es­san­te Links kura­tiert ganz ohne Empörung.

Titel­bild von Andrii Zhuk ver­öf­fent­licht auf Uns­plash.



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3 Kommentare

Rainer 15. August 2022 Antworten

Kom­mu­ni­ka­ti­ons­in­stru­men­te wie Twit­ter funk­tio­nie­ren gut für The­men, zu denen es kei­ne fun­da­men­ta­len Posi­tio­nen gibt (oder in Erschei­nung tre­ten) son­dern Einig­keit in den Grund­zü­gen herrscht.
Bei poli­ti­schen und gesell­schaft­li­chen The­men, das muss­te ich lei­der auch in den letz­ten 2 Jah­ren fest­stel­len, trifft das nicht zu. Da haben wir es mit Abso­lut­heits­an­sprü­chen und Dog­men zu tun, die teil­wei­se zu üblen Schlamm­schlach­ten führen.
Aber: Ich betrach­te es als Spie­gel der Gesell­schaft. Es wird sicht­bar, was eh da ist … immer schon da war … die Unfä­hig­keit oder Unwil­lig­keit vie­ler Men­schen, die eige­ne Posi­ti­on und Über­zeu­gung auch nur ansatz­wei­se kri­tisch zu betrach­ten und ande­re Posi­tio­nen als viel­leicht nicht voll­kom­men unsin­nig in Erwä­gung zu ziehen.
Und die Ange­wohn­heit, nicht nur die abwei­chen­den Sicht­wei­sen abzu­leh­nen und zu ver­dam­men, son­dern damit auch gleich den gan­zen Men­schen inklu­si­ver aller Ande­ren mit ähn­li­chen Gedankengängen.
Vor­ge­macht wird es tag­täg­lich von Poli­tik und Leit­me­di­en; unse­re Schu­len ste­hen da tw. auch in nichts nach.

Es ist mir ein paar mal gelun­gen, die­ses Mus­ter auf Twit­ter zu durch­bre­chen, wirk­lich in Kon­takt mit dem Men­schen auf der ande­ren Sei­te zu gehen, von Mensch zu Mensch. Es sind schö­ne, wenn­gleich fra­gi­le Kon­tak­te ent­stan­den. Es ist aller­dings nicht ganz ein­fach; etwas, was wir nir­gends wirk­lich bei­gebracht bekommen.
Ich sehe da ehr­lich gesagt auch kei­ne Chan­ce, dass wir das als Gesell­schaft mal ler­nen, im Gegenteil.

Hm, eigent­lich woll­te ich nur kurz schrei­ben: Ich kann dich so gut ver­ste­hen mit die­ser Entscheidung!

Marcus Raitner 17. August 2022 Antworten

Lie­ber Rai­ner, auch ich habe – gera­de in der Früh­zeit – vie­le gute Dis­kus­sio­nen auf Twit­ter erlebt. In letz­ter Zeit hat sich dort, wie in der übri­gen Gesell­schaft und den übri­gen Medi­en, das Den­ken und Dis­ku­tie­ren arg ver­kürzt auf ein­fachs­te schwarz-weiß Mus­ter. Das wird den kom­ple­xen Pro­ble­men (Pan­de­mie, Ukrai­ne und ande­re Kon­flikt­her­de, Kli­ma­wan­del, …) nicht ansatz­wei­se gerecht, ist aber natür­lich ange­nehm ein­fach und bequem.

Andreas Essing 17. August 2022 Antworten

Ich sehe die­se Ent­wick­lung auch so wie Rai­ner es oben beschreibt. 

Wir ver­hal­ten uns so wie im Auto, wenn wir über den ande­ren Ver­kehrs­teil­neh­mer schimp­fen … Nur hier im Inter­net ver­halt es nicht wie im eige­nen Auto, son­dern mein flot­ter Spruch bleibt für alle Zeit mit mir ver­bun­den, egal ob ich den Tweet lösche oder nicht (in der Zwi­schen­zeit hat schon jemand einen Screen­shot gemacht). 

Zudem hängt bei vie­len Platt­for­men dann beim Name und mein Arbeit­ge­ber dann noch mit dran. Da kann ich sagen, dass ich hier pri­vat unter­wegs bin oder nicht, letzt­lich bin ich als Mensch auf den Platt­for­men unterwegs.

Zusam­men­fas­send: Mein Beschimpfen/Verunglimpfen/Beleidigen sagt mehr über mich aus, als mir lieb ist. Also lass ich es.

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