Bob Ross, KI-Praktikanten und der IKEA-Effekt

Über KI, Ler­nen und den Unter­schied zwi­schen Zuschau­en und Machen

Com­pu­ter haben mich seit jeher fas­zi­niert. Einer­seits natür­lich die vie­len Din­ge, die Com­pu­tern für uns ein­fa­cher machen – man den­ke nur an E‑Mail oder das Inter­net und wie die Leben davor funk­tio­nier­te (ich bin tat­säch­lich alt genug, mich dar­an zu erin­nern). Ande­rer­seits und noch viel mehr fas­zi­nier­ten mich aber die Din­ge, die ich selbst, mit mei­ner Vor­stel­lung, mei­nen Über­le­gun­gen, mei­ner Krea­ti­vi­tät damit erschaf­fen konn­te: Soft­ware­ent­wick­lung war und ist für mich eine Mög­lich­keit, mei­nen Ideen Aus­druck und Form zu verleihen.

Recht nahe­lie­gend habe ich des­we­gen Infor­ma­tik stu­diert. Eben­falls recht nahe­lie­gend und erwart­bar, ent­wi­ckel­te sich mei­ne „Kar­rie­re“ lang­sam aber ste­tig weg von der Soft­ware-Ent­wick­lung hin zum Manage­ment, zuerst in IT-Pro­jek­ten, dann als Geschäfts­füh­rer einer klei­nen, neu­ge­grün­de­ten Bera­tungs­fir­ma, dann in gro­ßen Ver­än­de­rungs­pro­jek­ten wie der agi­len Trans­for­ma­ti­on der BMW Group IT und schließ­lich als Lei­ter einer Prac­ti­ce Area in Alli­anz Inhouse Con­sul­ting. Der Trend ist recht ein­deu­tig: Immer weni­ger eigen­hän­di­ge Soft­ware­ent­wick­lung, immer mehr Excel­lis­ten und Power­Point-Prä­sen­ta­tio­nen. Mei­ne Krea­ti­vi­tät fand der­weil ein neu­es Betä­ti­gungs­feld: Ich begann mit dem Schrei­ben die­ses Blogs, das schließ­lich in mein Buch „Mani­fest für mensch­li­che Füh­rung“ mün­de­te.

Zurück zu den Wurzeln

Das Bedürf­nis wie­der selbst in die Tas­ten zu grei­fen und Soft­ware zu ent­wi­ckeln ver­schwand nie voll­stän­dig. Je wei­ter ich mich davon ent­fern­te und je schnel­ler sich die Welt der Soft­ware­ent­wick­lung fort­ent­wi­ckel­te (mei­ne letz­te aktiv genutz­te Pro­gram­mier­spra­che war Java mit JEE!), des­to grö­ßer wur­de mei­ne Sehn­sucht. Ich woll­te zurück zu mei­nen Wur­zeln und – wie es David Hei­ne­mei­er Hans­son so schön for­mu­lier­te – mit mei­nen blo­ßen Hän­den den Code zise­lie­ren. Ich begann mich zunächst mit Neo­vim / Lazy­vim als Edi­tor und Pro­gram­mier­um­ge­bung zu beschäf­ti­gen (eine sehr stei­le Lern­kur­ve, aber mitt­ler­wei­le ein Edi­tor den ich auch für all­täg­li­che Auf­ga­ben nicht mehr mis­sen möch­te), mach­te einen Abste­cher zu Ruby on Rails und griff dann ein schon gut abge­han­ge­nes Pro­jekt wie­der auf, aus dem nun ein ech­tes Pro­dukt wur­de: Pul­se – Dein Micro-Jour­nal, eine iOS-App zum täg­li­chen Reflektieren.

Genau wie Ruby stell­te sich Swift als Pro­gram­mier­spra­che als über­aus fas­zi­nie­rend her­aus auch wenn ich natür­lich aner­ken­ne, dass die­se Fas­zi­na­ti­on für Nicht-Infor­ma­ti­ker eher weni­ger nach­voll­zieh­bar sein dürft. Was frü­her sau­ber getrenn­te Pro­gram­mier­pa­ra­dig­men waren (objekt­ori­en­tiert, funk­tio­nal, impe­ra­tiv und pro­ze­du­ral, usw.), fin­det sich in Swift in einer ein­zi­gen Spra­che als Best-of ver­eint. Das zu ler­nen, zu ver­ste­hen, selbst aus­zu­pro­bie­ren – das war mein eigent­li­ches Ziel. Nicht die fer­ti­ge App.

Der sehr, sehr gute Praktikant

Von AI oder gar Vibe-Coding hielt ich mich bewusst fern. Ich woll­te den Code spü­ren und ver­ste­hen, wie die Kon­zep­te inein­an­der grei­fen. Mehr als das übli­che „Tab-Com­ple­te“, also die Auto­ver­voll­stän­di­gung im Edi­tor, die es einem erspart bei­spiels­wei­se die genaue Signa­tur von Funk­tio­nen nach­zu­schla­gen, ließ ich nicht zu. Nicht, weil ich es bes­ser wuss­te, son­dern gera­de weil ich es noch so gut wuss­te und konnte.

Dann kam Clau­de oder bes­ser gesagt ich kam mit Clau­de in Berüh­rung. Und ich erkann­te wie recht Kevin Kel­ly hat­te, als er die so ange­sag­ten auf Lar­ge Lan­guage Models basie­ren­den KI-Assis­ten­ten sinn­ge­mäß als sehr, sehr gute Prak­ti­kan­ten beschrieb. Clau­de ist da kei­ne Aus­nah­me und lie­fert meist soli­de Arbeit. Manch­mal sogar über­ra­schend gute, die mich ver­blüfft und zum Nach­den­ken anregt. Ers­te Ent­wür­fe, die funk­tio­nie­ren. Archi­tek­tur­vor­schlä­ge, die durch­dacht sind. Code, der kom­pi­liert und das tut, was er soll.

Und trotz­dem oder gera­de des­we­gen fühl­te ich mich unwohl. Es war als wür­de ich Bob Ross im Fern­se­hen bewun­dern, um dadurch Malen zu ler­nen. (Für die jün­ge­ren Leser: Bob Ross war ein ame­ri­ka­ni­scher Maler und TV-Legen­de, berühmt für Land­schaf­ten in unter drei­ßig Minu­ten — und dafür, dass Mil­lio­nen fas­zi­niert zusa­hen, aber kaum jemand selbst malte.)

Ich habe den von Clau­de geschrie­be­nen Code gele­sen, ver­stan­den (meis­tens), kopiert, ein­ge­fügt oder prak­ti­scher­wei­se ein­fach ein­fü­gen las­sen. Clau­de ist nicht nur ein ein­zi­ger sehr, sehr guter Prak­ti­kant, son­dern eine gut orches­trier­te Armee von sehr guten und hoch-spe­zia­li­sier­ten Prak­ti­kan­ten, die den Code so lan­ge kne­ten, bis alle Feh­ler besei­tigt sind und das Fea­ture funk­tio­niert. Durch­aus prak­tisch und am Ende war es durch­aus guter Code. Aber er war nicht mei­ner. Und der Lern­ef­fekt war in etwa so groß als wür­de ich eben Bob Ross beim Malen zuse­hen. Ich hat­te ihn nicht gerun­gen, war nicht an fal­schen Ansät­zen geschei­tert, hat­te nicht die spe­zi­fi­sche Befrie­di­gung gespürt, wenn etwas nach lan­gem Nach­den­ken und Nach­for­schen end­lich funk­tio­nier­te. Das Ver­ste­hen beim Lesen ist eine ande­re Kom­pe­tenz als das Kön­nen beim Schrei­ben. Die Lücke zwi­schen bei­den ist exakt der Ort, an dem das Ler­nen pas­siert. Zuge­ge­be­ner­ma­ßen kei­ne wirk­lich neue Erkenntnis.

Es gibt Din­ge, die wir ler­nen müs­sen, bevor wir sie tun kön­nen. Und wir ler­nen sie, indem wir sie tun.

Aris­to­te­les, Niko­ma­chi­sche Ethik

Der IKEA-Effekt

Die Ver­hal­tens­öko­no­men Nor­ton, Mochon und Arie­ly haben 2011 nach­ge­wie­sen, was vie­le intui­tiv ken­nen: Men­schen schät­zen Din­ge, die sie eigen­hän­dig her­ge­stellt haben, unver­hält­nis­mä­ßig hoch — nicht wegen der objek­ti­ven Qua­li­tät des Ergeb­nis­ses, son­dern wegen der inves­tier­ten Mühe bei der Anfer­ti­gung. Der IKEA-Effekt.

Ich spü­re ihn an mei­nem eige­nen Code sehr deut­lich. Mei­ne Lösun­gen sind alles ande­re als per­fekt. Es gibt Stel­len, die Clau­de und ich mitt­ler­wei­le gemein­sam über­ar­bei­tet haben und die nun deut­lich ele­gan­ter sind. Und es gibt sicher­lich immer noch Stel­len, über die ein erfah­re­ner Swif­tUI-Ent­wick­ler mil­de lächelnd den Kopf schüt­teln wür­de. Aber es ist mein Code. Ich habe ihn müh­sam ange­fer­tigt, habe die Doku­men­ta­ti­on gele­sen, war Dau­er­gast auf Stack Over­flow, habe Feh­ler gemacht, mit dem Debug­ger Schritt für Schritt die Ursa­che gesucht und Lösun­gen gefunden.

Mir geht es mit AI-Assis­ten­ten genau­so wie es den Haus­frau­en in den 1950er Jah­ren mit fix und fer­ti­gen Back­mi­schun­gen ging. Es ist zu ein­fach. Erst als die Her­stel­ler das rich­ti­ge Maß an Eigen­leis­tung ein­bau­ten, fri­sche Eier, fri­sche Milch oder Deko­ra­ti­on, wur­den die Back­mi­schun­gen zum Renner. 

Beschleunigung des Lernens 

Mitt­ler­wei­le haben Clau­de und ich aber eine Arbeits­wei­se gefun­den, die mei­nem Lern­ziel dient:

Ers­tens: Wir den­ken gemein­sam. Bevor ich Code schrei­be, pla­ne ich mit Clau­de das Fea­ture oder das Refac­to­ring. Was ist der bes­te Ansatz? Wel­che Pat­terns gibt es? Was könn­te schief­ge­hen? Clau­de denkt mit, stellt Fra­gen, ich stel­le Fra­gen, wir disk­tu­ie­ren Alter­na­ti­ven und eini­gen uns auf einen Plan.

Zwei­tens: Ich pro­gram­mie­re. Allein. Mit der bespro­che­nen Rich­tung im Kopf, aber ohne Clau­de als Ghost­wri­ter. Das ist der Teil, in dem das Ler­nen pas­siert. Denn vie­les was vor­her ganz ein­fach aus­sah, ist es dann im Detail doch nicht und man­ches war nicht zuen­de gedacht.

Drit­tens: Clau­de macht den Code-Review und ich bekom­me Feed­back. Was hät­te ich ele­gan­ter lösen kön­nen? Wo gibt es Risi­ken? Was habe ich übersehen?

Mit die­sem Modus kom­me ich zwar nicht schnel­ler zum fer­ti­gen Ergeb­nis, aber er beschleu­nigt das Ler­nen deutlich.

Was das bedeutet

Die eigent­li­che Fra­ge, die sich aus die­ser Erfah­rung ergibt, ist kei­ne tech­ni­sche son­dern ganz klas­sisch die Kern­fra­ge nach dem Wozu: Was will ich eigent­lich und wie kann mir KI dabei helfen?

Als Werk­zeug zur Effi­zi­enz­stei­ge­rung ist die Prak­ti­kan­ten­ar­mee von Clau­de oft erstaun­lich gut — wenn es das Ziel ist, schnell eine funk­tio­nie­ren­de App zu bau­en, schreibt Clau­de den Code, braucht aber die füh­ren­de Hand eines Exper­ten; ins­be­son­de­re dann, wenn die Soft­ware nicht nur ein Weg­werf­pro­dukt sein soll und über Jah­re gewar­tet wer­den soll. 

Als Lern­be­glei­ter funk­tio­niert Clau­de anders und eben­falls sehr gut: als Spar­rings­part­ner beim Durch­den­ken, als stren­ger aber kon­struk­ti­ver Review­er, als gedul­di­ger Erklä­rer. Aber eben nicht als Ghostwriter.

Das Ziel bestimmt den rich­ti­gen Ein­satz. Pul­se ent­wi­ckelt sich dadurch zwar lang­sa­mer, was kein Feh­ler sein muss wenn man dem Prin­zip von Die­ter Rams folgt: Weni­ger, aber bes­ser!. Aber ich kom­me den­noch schnel­ler an mein eigent­li­ches Ziel: Das nach­hal­ti­ge Erler­nen der Kon­zep­te der iOS-Ent­wick­lung mit SwiftUI.

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Von Marcus Raitner

Hi, ich bin Marcus. Ich bin der festen Überzeugung, dass Elefanten tanzen können. Daher begleite ich Organisationen auf ihrem Weg zu mehr Agilität. Über die Themen Führung, Digitalisierung, Neue Arbeit, Agilität und vieles mehr schreibe ich seit 2010 in diesem Blog. Mehr über mich.

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