Es begann mit SMS. Die allgegenwärtige, textbasierte, digitale Kommunikation sorgte für eine schleichende Erosion echterer Formen der Verbundenheit. „LOL“ und Emojis können die Nuancen zwischenmenschlicher Kommunikation nur unzureichend einfangen, erzeugen aber eine wohlige Illusion von Verbundenheit ohne die Mühen eines echten Zusammentreffens.
Textbasierte und asynchrone Kommunikation, vulgo: Briefe, gab es lange Zeit und manches davon erlangte sogar literarische Bedeutung. Vor den digitalen Medien betrug die Latenz, also die Zeit zwischen Absenden der Nachricht und Erhalt der Reaktion, Tage oder Wochen. Es bestand daher keinerlei Gefahr, dass textbasierte Kommunikation das echte Gespräch verdrängte.
E‑Mail eliminierte dieses Problem der Latenz, war zu Beginn allerdings an klobige Rechner gebunden und damit eher für introvertierte Nerds wie mich interessant. In dieser Subkultur zeigten sich allerdings schon die eingangs beschriebenen Phänomene und ihre Symptome. Die ersten Emoticons wie ;-) oder :-O entstanden in dieser Frühzeit der elektronischen Kommunikation, die sich neben E‑Mail noch in IRC (Internet Relay Chat) und den Newsgroups des Usenet entfaltete.
Wenngleich also einige Nerds, weil sie ohnehin ihre Tage vor dem Rechner verbrachten, von dieser Kommunikationsform mehr und mehr vereinnahmt wurden und ihr gegenüber echter Interaktion mit anderen Menschen den Vorzug gaben, der breiten Masse fehlte doch der allgegenwärtige Zugang. Mobiltelefone und mit ihnen die SMS lieferten genau diese fehlende Zutat für eine flächendeckende Erosion echter menschlicher Interaktionen.
Smartphones und leistungsfähige und kostengünstige Datentarife reduzierten die Unannehmlichkeiten (so mancher Teenager verursachte erschreckend hohe Kosten für SMS) weiter und soziale Medien boten weiter bequeme Möglichkeiten für den unkomplizierten „Gesprächssnack“ zwischendurch.
Nichts an allgegenwärtiger, textbasierter, digitaler Kommunikation ist per se verwerflich. Autos, Rolltreppen und Aufzüge sind auch wertvolle Erfindungen. Und genauso wie ihr übermäßiger Gebrauch die gesunde körperliche Bewegung ersetzt, verdrängt die Kurznachricht und ein schneller Klick auf den Like-Button das mit mehr Mühe verbundene echte Gespräch. Vielleicht sehen wir deshalb in ein paar Jahren das Äquivalent zu einem Fitnessstudio in unseren Städten: Orte, wo wir unsere vernachlässigte „Interaktionsfitness“ trainieren können.
Derzeit geht der Trend aber eher in die entgegengesetzte Richtung. Mit ChatGPT und Co. haben wir es geschafft, den anderen Menschen komplett aus der elektronischen Kommunikation zu eliminieren. Wir unterhalten uns mit der Maschine und die Maschine unterhält uns. Finde den Fehler.
8 Kommentare
Lieber Marcus,
vielen Dank für diesen Impuls und die damit verbundene kleine Zeitreise. Auch wenn der Chat mit dem Bot gerade sehr en vogue zu sein scheint: in vielen (echten) Gesprächen nehme ich gerade einen gegenläufigen Trend wahr. Viele Menschen haben wieder mehr Lust auf echte Interaktion. Echte Menschen. Echte Begegnungen. Auch ich nehme mir das fürs neue Jahr vor – vielleicht wird es ja ein Trend in 2026?
Herzliche Grüße,
Evelyn
Ein schöner Vorsatz, liebe Evelyn. Gerade wegen der zunehmenden Digitalisierung wird das originär menschliche umso wichtiger
Schöne Idee Evelyn, hatte ähnliche und antworte einfach deinem Kommentar
Ich selber würde deinem Vorsatz folgen und mein „Anlasslos“ aus 2019 und 2021 wieder „reaktivieren “
https://zwingy.de/anlasslos/
„Anlasslos“ – das finde ich eine großartige Idee. Genau das ging in der Pandemie verloren. Ich nannte das mal das Schmiermittel im sozialen Getriebe und befürchte, dass wir mittelfristig einen Lagerschaden erleiden werden.
„Wir unterhalten uns mit der Maschine und die Maschine unterhält uns. Finde den Fehler.“ ― Marcus Raitner
Just ist man dabei, diese Form von „Kommunikation“ zu verfeinern.
Die einfache, sehr sachliche Form kennen wir schon von der Navi-App. Sie spricht den ebenfalls auf nüchterne Daten ausgerichteten Verstand an.
Aber jetzt wickelt man kleine Rechenmaschinen in ein beliebiges Kuscheltier-Kostüm und bringt noch Augen, Ohren und Schnäuzchen in Bewegung. Damit kommt unser Emotionalgefüge in Bewegung und dass man jetzt eine „Persönlichkeit“ auf die Maschine projiziert, ist nahezu unvermeidlich.
Wir haben uns in genau diese Zeit gebeamt und müssen nun in ihr leben, lernen und wachsen. Das heißt, wir müssen auch den Umgang mit dieser Technologie lernen.
Wer es gewohnt ist, eigenständig mit der Intelligenz umzugehen, wird keine Schwierigkeiten damit haben. Anderen ist dabei zu helfen und wieder anderen ist nicht zu helfen. So ist das Leben.
Lass es dir gut gehn ✨
in dieser Zwischenzeit.
Ein interessantes 2026
wünscht dir Nirmalo
Falls du mal vorbeischauen
magst, herzlich willkommen:
https://die-philosophische-replik.jimdo.com/
Vielen Dank für deine wunderbar formulierten vertiefenden Gedanken und auch dir ein interessantes neues Jahr!
Lieber Marcus, mit dem Kommunikationsmittel haben sich auch noch Erwartungen an die Bearbeitungsgeschwindigkeit verändert. Wenn die Antwort auf eine Brief noch Wochen dauern konnte, erwarten wir Antworten auf eMails binnen Tagen und ein Chat sollte bitte binnen kurzer Zeit bearbeitet und beantwortet werden. Damit erziehen wir uns alle zu kleine ADHS Bots, die nur von Message zu Message springen. Wir hatten das Thema glaube ich mal. Es fehlt an einem gesellschaftlichen Konsens bzgl der Bearbeitung von digitalen Nachrichten. Ich ertappe mich inzwischen auch schon dabei ungeduldig zu werden, wenn der Bot sich etwas mehr Zeit nimmt seine Antwort zu generieren.
Das Leben gehört entschleunigt.
Im Privaten schaffe ich das schon gut, im Berufsleben ist es eine Herausforderung. (Online) Meetings anstelle von Chatkaskaden können helfen. Bringen Struktur und Fokus. Verstehen aber nicht alle. 2026 wird daher sicherlich eine Herausforderung den Balanceakt zwischen Chat und Interaktion zu finden. ♂️
Bleibt gesund und man sieht sich bestimmt mal wieder irgendwo.
Die Erwartungen an die möglichst sofortige Antwort kenne ich auch nur zu gut. Eigentlich gibt es mittlerweile fast nur noch „sofort“. Wobei interessanterweise dann nur noch mehr Nachrichten folgen, aber fast nie ein Anruf … Ich bin mittlerweile gut im Abschalten von Benachrichtigungen.