Führung ist Beziehung

Führung findet in und durch Beziehungen statt – Führung ist Beziehung. Wir bestimmen, ob diese mit Angst erfüllt sind oder mit Gleichwürdigkeit, dem Gegenentwurf des dänischen Familientherapeuten Jesper Juul zur autoritären Erziehung, der sich bestens auf andere Führungsbeziehungen übertragen lässt.

Der römi­schen Kai­ser Cali­gu­la wur­de mit sei­nem Mot­tooder­int, dum metu­ant(zu dt.:Sol­len sie mich doch has­sen, solan­ge sie mich fürch­ten) zum Inbe­griff des auto­kra­ti­schen Gewalt­herr­schers. Von die­ser radi­ka­len Sor­te gibt es glück­li­cher­wei­se nicht mehr so vie­le. Den­noch ist Angst vie­ler­orts noch das unaus­ge­spro­che­ne Leit­mo­tiv in hier­ar­chi­schen Orga­ni­sa­tio­nen. Und wird es sogar wie­der mehr je lau­ter der Ruf nach star­ken Füh­rungs­per­sön­lich­kei­ten wird ange­sichts der Kom­ple­xi­tät und Unsi­cher­heit, mit der Orga­ni­sa­tio­nen heu­te kon­fron­tiert sind. 

Fear is the path to the dark side … fear leads to anger … anger leads to hate … hate leads to suffering.

Yoda

Füh­rung fin­det in und durch Bezie­hun­gen zwi­schen Men­schen statt. Die­se Bezie­hun­gen kann man inspi­riert von Cali­gu­la mit Angst erfül­len, darf dann aber nicht mehr als unter­tä­ni­gen Gehor­sam erwar­ten. Vor­der­grün­dig frei­lich nur, denn im Hin­ter­grund wer­den dann flei­ßig Plä­ne für den nächs­ten Königs­mord geschmie­det. Und Angst ist anste­ckend, weil nach oben buckeln nur erträg­lich ist, wenn man zum Aus­gleich auch kräf­tig nach unten tritt. Etwa so wie der obrig­keits­hö­ri­ge, natio­na­lis­ti­sche Mit­läu­fer und Kon­for­mist Diede­rich Heß­ling im Roman „Der Unter­tan“ von Hein­rich Mann.

Dri­ve out fear, so that ever­yo­ne may work effec­tively for the company.

W. Edwards Deming

Die­se Angst­kul­tur führt zwar zu Gehor­sam, ist aber Gift für die heu­te drin­gen­der denn je benö­tig­te Eigen­ver­ant­wor­tung und Krea­ti­vi­tät. So sehr, dass es W. Edwards Deming für not­wen­dig hielt, den Kampf gegen die Angst in Orga­ni­sa­tio­nen zu einem der 14 Punk­ten sei­nes Manage­ment­pro­gramms zu machen. Und auch Peter F. Dru­cker, stell­te fest, dass Angst inner­halb der Orga­ni­sa­ti­on zu einem kor­ro­si­vem Gegen­ein­an­der führt, wo eigent­lich kraft­voll an einem Strang gezo­gen wer­den müsste.

Gleichwürdigkeit

Fami­li­en sind in gewis­ser Wei­se heu­te schon wei­ter als vie­le Orga­ni­sa­tio­nen. Die streng auto­ri­tä­re auf Angst basie­ren­de Erzie­hung, wie sie vor eini­gen Gene­ra­tio­nen noch Usus war, wird heu­te mehr­heit­lich abge­lehnt. Auch wenn Autoren wie Bern­hard Bueb mit sei­nem Buch „Lob der Dis­zi­plin“ uner­müd­lich eine Lan­ze für den Gehor­sam bre­chen, sind sich Ver­tre­ter der Erzie­hungs­wis­sen­schaf­ten einig über die Schäd­lich­keit die­ser rück­wärts gewand­ten und unge­hemmt tota­li­tä­ren schwar­zen Pädagogik.

Das Cre­do des däni­schen Fami­li­en­the­ra­peu­ten Jes­per Juul lau­tet statt­des­sen „Erzie­hung ist Bezie­hung“. Dazu brau­chen die Bezie­hun­gen in der Fami­lie eine ganz bestimm­te Qua­li­tät, wofür Juul den den Begriff der Gleich­wür­dig­keit präg­te, den er selbst so beschreibt:

Gleich­wür­dig bedeu­tet sowohl „von glei­chem Wert“ (als Mensch) als auch „mit dem­sel­ben Respekt“ gegen­über der per­sön­li­chen Wür­de und Inte­gri­tät des Part­ners. In einer gleich­wür­di­gen Bezie­hung wer­den Wün­sche, Anschau­un­gen und Bedürf­nis­se bei­der Part­ner glei­cher­ma­ßen ernst genommen.

Jes­per Juul: Was Fami­li­en trägt.

Gleich­wür­dig­keit ist deut­lich von Gleich­be­rech­ti­gung zu unter­schei­den, weil es nicht um glei­che Rech­te und Pflich­ten geht. Gemeint ist viel­mehr die Hal­tung, die ande­ren Mit­glie­der der Gemein­schaft in ihrer Indi­vi­dua­li­tät und ihren sub­jek­ti­ven Bedürf­nis­sen und Wün­schen mit der glei­chen Wür­de anzu­er­ken­nen anstatt sie zu Objek­ten zu degra­die­ren. Die Füh­rungs­auf­ga­be und Ver­ant­wor­tung bleibt dabei klar bei den Eltern (und wird nicht im Sti­le von lais­sez-fai­re oder demo­kra­ti­schen Ansät­zen abge­ge­ben), aller­dings mit dem kla­ren Ziel der eigen­ver­ant­wort­li­chen Selbst­füh­rung der (dann erwach­se­nen) Kinder.

Nicht nur Erzie­hung ist Bezie­hung, son­dern ganz all­ge­mein Füh­rung ist Bezie­hung. Füh­rung fin­det immer in und durch Bezie­hun­gen zwi­schen Men­schen statt. Auch in unse­ren Orga­ni­sa­tio­nen soll­ten wir daher auf die Qua­li­tät der Bezie­hun­gen ach­ten und sie nicht mit Angst son­dern lie­ber mit Gleich­wür­dig­keit ganz im Sin­ne des Mani­fests für mensch­li­che Füh­rung gestalten. 

Das gute Wort

Für Pater Anselm Grün ist die wich­tigs­te Tugend im Umgang mit Men­schen die Demut. Gemeint ist damit nicht, sich klein zu machen, son­dern der Mut, sich der eige­nen unvoll­kom­me­nen Mensch­lich­keit zu stel­len. Wer mit Demut führt, kann sich gar nicht über ande­re stel­len, son­dern begeg­net den Men­schen mit Ehr­furcht und Freundlichkeit.

Ent­schei­dend für die­se Begeg­nung in Demut ist das gute Wort im Sin­ne des Ephe­ser­brie­fes: „Über eure Lip­pen kom­me kein böses Wort, son­dern nur ein gutes, das den, der es braucht, auf­er­baut und denen, die es hören, Nut­zen bringt!“ (Eph 4,29). Gleich­wür­di­ge Bezie­hun­gen zeich­nen sich aus durch Zuwen­dung, Respekt und Inter­es­se. In sol­chen Bezie­hun­gen wach­sen und gedei­hen die Men­schen. Sie wer­den auf­ge­baut und nicht durch Angst nie­der­ge­drückt. Das gute Wort weckt Leben – in den Men­schen und im Geflecht der gleich­wür­di­gen Bezie­hun­gen in der gesam­ten Organisation.

Wer ande­re führt, muss vor allem die Kunst des Lobens beherr­schen. Loben heißt ja: gut zu einem Men­schen spre­chen (bene­di­ce­re), Gutes über ihn und zu ihm sagen. Wer das Gute im Men­schen anspricht, lockt es auch in ihm her­vor. Er moti­viert den Men­schen damit mehr als durch Kri­tik und Kontrolle. 

Anselm Grün: Men­schen füh­ren – leben wecken

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8 Kommentare

Ulrich Brawand 22. Januar 2020 Antworten

Vie­len Dank für den inspi­rie­ren­den Blog.
Für mich stellt sich die Fra­ge, wie Men­schen mit die­sen Eigen­schaf­ten und Wer­ten bei her­kömm­li­chen Fir­men in Füh­rungs­po­si­tio­nen kom­men? Der „Auf­stieg“ ver­langt ja Durch­set­zung und Über­zeu­gung und die­se sind oft nicht bei „demü­ti­gen“ und „gleich­wür­di­gen“ Mit­ar­bei­tern vorhanden.
Dies heisst für mich, dass es eine Auf­ga­be des Top­ma­nage­ment ist, zukünf­tig ver­mehrt Men­schen in Füh­rungs­po­si­tio­nen zu ernen­nen, die stär­ker den Men­schen in den Mit­ar­bei­tern sehen.

Marcus Raitner 22. Januar 2020 Antworten

Gute Fra­ge. Auf­grund die­ses Wider­spruchs ändert sich ja in den meis­ten Orga­ni­sa­tio­nen auch nichts. Manch­mal braucht es dann den Impuls von Außen, so wie bei Nov­ar­tis mit Vas Nara­sim­han und sei­ner Stra­te­gie Unboss.

Rainer 22. Januar 2020 Antworten

Guten Mor­gen, Mar­cus! Ich lese Dei­nen Blog so gern, weil Du vie­le unter­schied­li­che Inspi­ra­ti­ons­quel­len hast, die mir auch Weg­wei­ser sind. So zum Bei­spiel Jes­per Juul. Aller­dings bin ich erschro­cken, als ich im Titel las “ dem Gegen­ent­wurf zur auto­ri­tä­ren Erzie­hung des däni­schen Fami­li­en­the­ra­peu­ten Jes­per Juul“, weil ich dach­te, Du wür­dest Juul als auto­ri­tär anse­hen. Aber dann hab ich ver­stan­den, dass sich der Geni­tiv auf den Gegen­ent­wurf bezieht. ;-)
Beim wei­te­ren Lesen hab ich dann ganz viel genickt und inner­lich Bei­fall geklatscht. Gleich­wür­dig­keit und Demut sind für mich sowohl bei mei­nen Kin­dern, Kol­le­gen und Kun­den (und allen ande­ren Men­schen) wich­ti­ge Leit­mo­ti­ve. Die brin­gen sehr viel Ent­span­nung, Leich­tig­keit und Offen­heit in die­se Bezie­hun­gen. Ich möch­te es nicht mehr anders haben.
Juul wür­de aller­dings Anselm Grün zum The­ma Loben wider­spre­chen – das, was wir all­ge­mein als Lob ver­ste­hen, kommt nicht aus der Gleich­wür­dig­keit. Was ich genau­so sehe, weil durch Lob qua­si ein Urteil gefällt wird. Und das ist nicht bezie­hungs­för­der­lich. Ich sage lie­ber, was die Wor­te und Taten Ande­rer für mich Posi­ti­ves bewirkt haben. Damit gehe ich eher in Bezie­hung als durch blan­kes Loben.

Marcus Raitner 22. Januar 2020 Antworten

Guten Mor­gen Rai­ner, da muss ich wohl den Titel noch ein biss­chen ein­deu­ti­ger for­mu­lie­ren, so dass sich der Bezug bes­ser erschließt. Ich gebe dir Recht, dass Juul dem was wir unter Lob ver­ste­hen wider­spre­chen wür­de, aber ver­mut­lich nicht dem, was Anselm Grün in die­sem Zitat schreibt: „Loben heißt ja: gut zu einem Men­schen spre­chen (bene­di­ce­re), Gutes über ihn und zu ihm sagen. Wer das Gute im Men­schen anspricht, lockt es auch in ihm hervor.“

Nirmalo 5. März 2020 Antworten

Rai­ner: „was wir all­ge­mein als Lob ver­ste­hen, kommt nicht aus der Gleichwürdigkeit.“

Ja, gera­de in Bezug auf Kin­der… han­delt es sich oft nicht wirk­lich um eine Aner­ken­nung, son­dern das Lob ist Mit­tel zum Zweck.

Die Ehr­lich­keit fehlt. Sen­si­ble Men­schen spü­ren die Unwahrheit.

Außer­dem erin­nern Lob & Tadel
doch irgend­wie an eine Manege.

Gruß, Nir­ma­lo

Marcus Raitner 11. März 2020 Antworten

Oh ja, wenn Lob als Mit­tel zum Zweck (Gehor­sam?) ein­ge­setzt wird ist es immer falsch.

Nirmalo 19. Mai 2021 Antworten

Anselm Grün: „Wer das Gute im Men­schen anspricht, lockt es auch in ihm hervor.“

Anselm weist hier auf die edle Vari­an­te des Lobes. 

Hier wird der Mensch von vorn­her­ein geach­tet. Grund­los. Er erfährt Wert­schät­zung, ein­fach weil es ihn gibt und nicht erst auf­grund irgend­wel­cher Eigen­schaf­ten oder Leistungen.

Und ja, in einem angst­ab­we­sen­den und ent­spann­ten Kli­ma, also über­all dort, wo die Leich­tig­keit zuhau­se ist, haben Offen­heit und Ent­fal­tung, Intel­li­genz und Lern­fä­hig­keit, Weis­heit und Freu­de, den höchs­ten Wirkungsgrad.

Ein Früh­lings­gruß

Marcus Raitner 25. Mai 2021 Antworten

Wun­der­schön for­mu­liert! Vie­len Dank.

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